"Vui glernt und aa vui do dafir.“

Andi Kapellner FSJ 2010/2011 Andi Kapellner FSJ 2010/2011

In einem Interview zog er Bilanz.


Worin siehst du den Sinn eines Freiwilligen Sozialen Jahres (FSJ)?


„In erster Linie bietet es die Möglichkeit, einen Einblick ins Berufsleben zu geben. Nach der Schule, vor der Berufsausbildung: diese Pause lässt sich gut nutzen um rauszufinden, was man wirklich will – und kann.“


Warum hast du dich selbst im vergangenen Jahr für ein FSJ entschieden?


„Ich war mit der Realschule fertig und hatte noch keinen genauen Plan. Letztes Jahr gab’s ja auch noch den Grundwehrdienst bei der Bundeswehr. Dieser hätte mich schon auch interessiert. Und im Musikkorps hätte ich vielleicht auch mitmachen können - ich spiel ja seit einigen Jahren Posaune. Aber dann fand ich doch das FSJ im Bereich Kultur eine sinnvolle Alternative für mich. Und ich hab’s auf gar keinen Fall bereut.“


Warum?


„Es ergab sich die Möglichkeit, das FSJ an der Musikschule Grassau, meinem Wohnort, zu machen. Das war mir recht. Ich hatte schon sechs Jahre Unterricht an der Schule. Da denkt man, dass man sich auskennt. Aber es war dann doch vieles neu für mich. Erstens habe ich nicht gewusst, was alles an so einem „Betrieb“ dranhängt mit Verwaltung, Organisation, Leuten, Technik. Zweitens hat man mir viele verschiedene Aufgaben gegeben, dass ich mich immer wieder zurechtfinden musste. Und mit meiner Musik wollte ich ja auch weiterkommen. Das alles unter einen Hut zu kriegen und selbst zu verantworten – das war was anderes als Schule! I hob vui glernt und hob aa vui do dafir!“


Was macht ein FSJ aus?


„Man ist in so einem Netz mit anderen FSJlern, also Leuten im gleichen Alter, die ähnliche Erfahrungen machen. Das bringt schon mal was. Und es gab vier einwöchige Seminare an verschiedenen Orten in Bayern. Die waren toll: gut organisiert, interessant, auch anstrengend … Jedes Seminar hatte ein Thema, zu dem wir in Gruppen viel erarbeitet haben. Informationen und Hilfe gab es von Dozenten, die viel drauf hatten. Es war kein Schulstoff oder reines Pauken, sondern es gab Themen wie „Identität“ oder „Zielfindung“. Das hat mir viel gebracht.“


Wie hast du denn deinen „Arbeitgeber“ erlebt?


„Sehr positiv. Es war ein kollegiales Klima. Ich war zu 80% bei der Marktgemeinde Grassau und zu 20% bei der Gemeinde Unterwössen beschäftigt, weil die Musikschulen ja kommunale Einrichtungen sind. Die Musikschulleiter Wolfgang Diem und Otto Dufter haben mir die Aufgaben zugewiesen, und zwar mit großen Freiheiten: Ich wusste, was bis wann zu erledigen war, aber wie ich das eingeteilt habe, war mir überlassen. Und sie haben ebenso wie mein Posaunenlehrer Johann Schmuck mir auch immer klar gemacht, dass ich selbst die Möglichkeiten nutzen soll, die es gibt. Also: die Chancen sehen. Mit sich selbst gut umgehen. Sein Ziel im Auge behalten. Das kannte ich nicht von der Schule: Selbstverantwortung. Das ist mir in dem Jahr ganz deutlich geworden. Aber am Anfang ist es mir schon schwer gefallen. Ich erinnere mich noch, dass mich bei dem hohen Anspruch erst total der Schreck gepackt hat.“


Welche Aufgaben hattest du?


„Kopieren …, Listen führen, Tabellen erfassen, Kopieren …, Programme zusammenstellen, Briefe fertigmachen, Kopieren …, Plakate aushängen, Schneeschieben, Lehrerzimmer in Ordnung halten, Kopieren … Da musste ich echt einteilen lernen. Aber ich hab ebenso für die Musik viel gelernt, durfte Veranstaltungen (mit-)organisieren, hab Satzproben geleitet, auch mal unterrichtet, Instrumente gereinigt, beim Musiktheater oder im Theoriekurs ausgeholfen. Da war auch viel am Wochenende zu tun, klar. Auf der anderen Seite habe ich Zeit zum Üben gehabt. Und ich konnte an Meisterkursen teilnehmen, Posaunenprofessoren kennen lernen oder einen Instrumentenbauer besuchen.“


Und: dein Fazit?


„Ich kann das FSJ nur jedem empfehlen. Man lernt unheimlich viel. Vor allem: Selbstständigkeit. Mit Anforderungen aktiv umgehen. Sich selbst organisieren. Und: man lernt auch seine Schwächen ehrlich kennen. Und muss rausfinden, wie man damit klar kommt. Mein Fazit des FSJ: Ich weiß jetzt, dass ich Musik zum Beruf machen will. Ich habe inzwischen sowohl die Aufnahmeprüfung für die Musikfachschule als auch für das Bayerische-Landesjugendorchester bestanden und will später Musik studieren.“

Uta Grabmüller